Woher weißt du, wie es mir geht?

 

Woher weißt du, wie es mir geht?

Posted by Siegbert Engel in Bewegung, Kommunikation, Kreativität 18 Jan 2010

Tai Chi Chuan und Qigong sind sehr tief greifende und umfassende Methoden der Bewegungs- und Haltungsschulung. Um Menschen anzuleiten, ist es wichtig Ihre Fähigkeiten bzw. Möglichkeiten so genau wie möglich zu erfassen und auf Basis der Beobachtungen konkrete Handlungsanweisungen zu geben. Wie erkenne ich, wo jemand gerade “steht”? Woher weiß ich, wo ein Schüler oder eine Schülerin gerade mit der Aufmerksamkeit, mit seinen Gefühlen ist und wie weit kann ich bei Korrekturen gehen?

Empathie, das Einfühlungsvermögen, hilft gerade in Unterrichtssituationen, Menschen in ihrem Wesen zu erfassen. Doch wie kann ich mitfühlen, mich in jemanden hineinversetzen, wenn alles was ich bei anderen Menschen sehe, in meinem Gehirn doch ohnehin direkt zur bloßen Interpretation wird. Genau das ist die Schwierigkeit. Um nicht in die Falle der Interpretation zu tappen, ist es erforderlich, sich vollkommen zurückzunehmen, die Wahrnehmung auf den bloßen Akt des Wahrnehmens zu reduzieren. “Die Kiefer als Kiefer sehen” ist ein Ausdruck aus dem Zen, der so schlicht und einfach scheint, doch in der Praxis nur schwer zu verstehen und noch schwieriger umzusetzen ist. Eine Kiefer als Kiefer zu “sehen”, bedeutet sie zu erkennen ohne sie mit Begrifflichkeiten oder dem Bild, das wir von einer Kiefer haben zu belegen. Unser Bild von einer Kiefer ist nicht die Kiefer selber.

Durch Meditation kann ich lernen, mich soweit zurückzunehmen, dass die Welt nicht mehr das Bild ist, das ich von ihr habe. Sie wird frei von allen Begrifflichkeiten und Interpretationen.

Übung: Schauen Sie einen Tag lang auf die Hände Ihrer Mitmenschen. Nehmen Sie die Handfläche, den Handrücken, die Finger, die Fingernägel, die Haut, die Hautfarbe, die Bewegung, die Blutgefäße usw. wahr, ohne das was Sie sehen zu bewerten oder mit Worten zu belegen. Ob die Fingernägel kurz, lang, gefärbt, schmutzig sind – es spielt keine Rolle. Versuchen Sie die Hände als Hände zu sehen. Nur das.

Empathie kann aber auch durch Schauspieltraining geübt werden. Klingt komisch? Ist es nicht. Konstantin Stanislawski, der als Vater des Method Acting angesehen werden kann, empfahl seinen Schülern die Mitmenschen so genau wie möglich nachzuahmen. Die Schüler sollten lernen über die Imitation der Gestik, des Gesichtsausdrucks, der Körperhaltung so zu empfinden, wie der Mensch den sie beobachteten. Körperhaltung, Körperspannung, Gestik und Mimik sind mit unseren Emotionen verbunden und umgekehrt. Kein Gefühl das sich nicht auch körperlich ausdrückt, kein Körperempfinden, dass nicht auch eine Emotion auslöst.

Sie können die oben beschriebene “Handübung” erweitern: Gehen Sie einmal in einer belebten Fußgängerzone (dort fallen Sie weniger auf) 5 bis 10 Minuten hinter einem Menschen her, der Ihnen auffällt. Ahmen Sie die Körperhaltung und die Gangart dieses Menschen so exakt wie möglich nach. Wie fühlen Sie sich dabei? Was verändert sich in Ihnen, in Ihrem Körpergefühl, in Ihrer Wahrnehmung?

Im Journal of General Internal Medicine wurde übrigens vor einiger Zeit genau über diesen Sachverhalt berichtet: Eine Untersuchung hatte ergeben, dass Ärzte, die Schauspielunterricht genommen hatten, viel mehr Mitgefühl in der Behandlung ihrer Patienten entwickelten und auf diesem Wege zu besseren Behandlungsergebnissen kamen.

Vor allem Lehrer (von Bewegungsmethoden) und Behandler sollten sich also viel stärker mit den Möglichkeiten einer gezielten meditativen Praxis und den Grundlagentechniken der Schauspielkunst auseinandersetzen, um ihre Mitmenschen dort abzuholen, wo sie stehen – im wahrsten Wortsinn.

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